Touristen sind immer nur die Anderen.

Standpunkt in der Luzerner Rundschau vom 17.11.2017

8,2 Millionen Gäste sollen laut Statistik 2014 in Luzern gewesen sein, 2030 sollen es bereits 14 Millionen sein – zu viel für die einen, wie sich diesen Sommer gezeigt hat. Erstmals wurde die tourismusfeindliche Haltung auch in Luzern offenkundig. Von überforderten Ferienorten war in den Medien die Rede und von genervten Einheimischen. Ich möchte in diesem Zusammenhang an zwei Dinge erinnern:

Zum einen erzeugt der Tourismus eine beträchtliche Wertschöpfung. Die gesamte Branche beschert dem Kanton Luzern gemäss einer Studie aus dem Jahre 2015 immerhin jährlich rund eine Milliarde Franken und 11‘000 attraktive Arbeitsplätze. Natürlich profitieren nicht alle Ortsansässigen in gleichem Masse davon. Dies ist aber bei anderen Branchen genau gleich.

Zum anderen verhalten wir uns vollkommen identisch wie jene, über die wir uns jetzt ärgern. Als Thomas Cook ab 1850 die ersten Gruppenreisen organisierte, waren seine Kunden nämlich vorab Schweizer. Die Reisefreudigkeit der Eidgenossen änderte sich wohl bis heute nicht. Oder haben Sie schon einmal die Reaktionen beobachtet, wenn sich jemand in einer Runde als überzeugter Nichtreiser zu erkennen gibt? Er oder sie erntet erstaunte Blicke und mitleidiges Lächeln. Denn seit den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts hat sich nicht nur die Zahl der einheimischen Reisenden massiv erhöht, sondern auch der Radius der Destinationen von den europäischen Städten und Stränden in immer exotischere Gegenden verlagert.

Mit dem steigenden Wohlstand sind halt nun auch andere, weitaus zahlreichere Nationen von Fernwehvirus angesteckt worden. Sie reisen wie wir, bevor die Entwicklung zum Individualtourismus eingesetzt hat, in Gruppen. Und schon sprechen wir von diesen Menschen als Massen.

Reisen bildet und eröffnet neue Horizonte. Wer sich selbst für weltoffen hält und gerne reist, gleichzeitig aber über den Tourismus schimpft verhält sich widersprüchlich. Touristen sind offenbar immer nur die Anderen.