Die Grüne und die Stadt

Warum es im Grünen keine Grünen gibt.

Ich frage mich immer wieder wie sich eine politisch grüne Grundhaltung mitten im städtischen Trubel glaubhaft vertreten lässt. Rund um einen herum blüht der Konsum, der Verkehr spriesst, und die dominierende Farbe ist eher beton- oder asphaltgrau statt sattes Grün. Insgesamt also ein Ambiente, das weit entfernt ist von der grünen Wiese. Kein Wunder, kommen da Leute aus grünen und linken Kreisen (was ja oft fast identisch ist) auf die Idee, die grüne Wiese in die städtischen Innenhöfe zu holen. Und natürlich will man Hausbesitzern auch gleich noch sagen, wie es geht. Auch diese Art, ‚Anweisungen‘ zu geben, kommt einem nicht ganz unbekannt vor, entspricht es doch einem typischen Muster: Wissen, was für die anderen gut ist, Mahnfinger erheben, schulmeistern.

Anstatt zu schulmeistern und öko-bigott am urbanen Lifestyle zu partizipieren, dessen Grundlagen aber abzulehnen, sollten die Grünen die Stadt als urbane Zentren begreifen, welche einen sorgsamen und nachhaltigen Umgang mit knappen Ressourcen erst möglich machen.

Denn zur Stadt gehören hohe Häuserfronten, eng zusammenstehende Gebäude – und nicht zuletzt Strassen, sprich Verkehr. Lange Autoschlangen, zwischen denen sich Velos hindurchschlängeln, ein mehr oder weniger permanenter Geräuschpegel, das gehört eben auch zur Stadt. Selbst mit noch so fundamentalem grünen Vorgehen lässt sich der Verkehr nicht aus der Stadt verbannen – oder vielleicht doch? Und wie sehen die Städte dann aus? Wo sind dann die Geschäfte? Wo die Unternehmen, die Arbeitsplätze schaffen? Ja, genau. Irgendwo ausserhalb, umgeben von grünen Wiesen.

Ich stelle mir immer noch vor, dass Grüne naturliebende Menschen sind, die ein einfaches Landleben dem urbanen Treiben vorziehen. Die lieber abseits wohnen als mitten im Geschehen. Aber wahrscheinlich liege ich da ganz falsch, wie die Zahlen zeigen. Das Grüne blüht in den Städten, nicht auf dem Land.

Erschienen in der Luzerner Rundschau vom 26. August 2017