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Listen-Verbindungen bei den Grossstadtratswahlen

Vor den Wahlen greifen Politologen und Parteistrategen zu den Taschenrechnern. Sie berechnen die Sitzverteilung unter der Nebenbedingung von Listen-Verbindungen.

Listenverbindungen in der Theorie und Praxis

Sucht man Rat in der Theorie, stösst man auf folgenden - oft zitierten - Artikel: Listenverbindungen bei Kommunal­wahlen — Ein Glücksspiel (Leutgab & Pukelsheim 2009).

Quelle: http://www.math.uni-augsburg.de/stochastik/pukelsheim/2009b.pdf

Der Artikel bringt klar zum Ausdruck: Prognosen zur Auswirkungen von Listen-Verbindungen haben mit Sicherheit nichts mit exakter Wissenschaft zu tun. Sogar minime – nicht prognostizierbare – Verschiebungen innerhalb der Wähleranteilen der Parteien können die Aufteilung der Restmandate verändern.

Und weil man von der Theorie keine grosse Hilfe erwarten kann, verlassen sich Parteistrategen auf Faustregeln. In der Praxis ist eine Partei beim Entscheidungsprozess bezüglich Listen-Verbindungen gut beraten, folgende Fehler zu vermeiden:

Quelle: http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/Die-elf-schlimmsten-Fehler-bei-Listenverbindungen/story/17411837

Und als Parteistratege tut man gut daran, nicht zu vergessen:

Die Gretchenfrage: Nun sag, wie hast du’s mit den Daten?

Beim Rechnen gehts nicht bloss darum, die mathematischen Operationen gut zu beherrschen. Viel entscheidender ist die Auswahl der Zahlen und Daten, auf welche sich die Berechnungen stützen.

Nicht umstritten sind die Daten der Grossstadtratswahlen 2012. Auf der Grundlage dieser Daten kann man in Szenarien berechnen, welche Listen-Verbindungen damals zu welchen Sitzverteilungen geführt hätten. (Erkenntnistheoretisch ist darauf hinzuweisen, dass es sich dabei um ein kontrafaktisches Modell handelt; die berechneten Szenarien haben ja so nicht stattgefunden. Es geht dabei also um die Frage: Was wäre gewesen, wenn …?)

Problematischer sind prognostische Aussagen zur Sitzverteilung. Hier bewegen wir uns klar in Richtung Kaffeesatz-Lesen. An der Grenze zur Unseriösität bewegt sich, wer sich bei seinen prognostischen Aussagen auf eine fragwürdige Datenbasis stützt.

Wenn man Äpfel mit Birnen vergleicht

Olivier Doller prognostiziert die Sitzverteilung 2016 im Stadtparlament unter anderem auf der Grundlage der Zahlen der Nationalratswahlen 2015. Auch wenn er dafür die Zahlen der Stadt verwendet, so blendet er den Sachverhalt aus, dass die Wahlkreise bei Grossstadtratswahlen (Stadt) und Nationalratswahlen (Kanton) unterschiedlich sind. Doller vergleicht damit Äpfel mit Birnen.

Quelle: http://www.lu-wahlen.ch/kolumnen/heidi-duss-studer/olivier-dolder/news/2016/01/31/9519-cvp-will-fuer-den-grossen-stadtrat-keine-listenverbindung-mit-der-svp-was-sind-die-moeglichen/

Sitzverteilung Grosser Stadtrat Prognose Sitzverteilung Olivier Dolder

Wer nämlich die Zahlenreihen der Wählerstärken über den Zeitverlauf wahrnimmt, stellt auf den ersten Blick fest: die Wähleranteil-Entwicklung bei städtischen, kantonalen und nationalen Wahlen verläuft unterschiedlich.

Sitzverteilung Grosser Stadtrat Parteienstärken Zahlen Stadt Luzern

Dolder gewichtet die Entwicklung der absoluten Zahlen der Wähleranteilen zu stark. Aussagekräftiger als die absoluten Zahlen der Wähleranteile wäre die prozentuale und damit relative Veränderung bei den Wähleranteilen. Auf der Grundlage dieser Veränderungen liessen sich dann allenfalls Aussagen zu Trends machen (Gewinner und Verlierer). Aber auch damit wäre ich vorsichtig.

Wie wäre es gewesen, wenn …? (Retrospektives Modell)

Berechnen wir also, was gewesen wäre, wenn … . Wir stützen uns auf die Wahlergebnisse aus dem Jahr 2012. Bei den Grossstadtratswahlen 2012 gingen - neben der traditionellen Links-Grünen-Listen-Verbindung - auch die FDP und die CVP eine Listen-Verbindung ein.

Mandatsberechnung Grosser Stadtrat 2012 Mandatsberechnung Grosser Stadtrat 2012

Die FDP erreichte 2012 9 Vollmandate, die CVP deren 8. Dank der Listenverbindung mit der FDP konnte sich die CVP das zweite Restmandat sichern. Ohne diese Listenverbindung hätte die CVP das Restmandat nicht erhalten; dieses wäre an die GLP gegangen.

Eine grosse bürgerliche Listenverbindung hätte dem bürgerlichen Block ebenso das zweite Restmandat gesichert. Im Ergebnis wäre es also zu keiner Sitzverschiebung gekommen.

Wie wird es 2016 sein? (Prognostisches Modell)

Die Wähleranteile verändern sich über den Zeitverlauf. Aus Ergebnissen kürzlich stattgefundener Wahlen können Trends abgelesen werden.

Für die folgenden prognostischen Modellbrechungen werden Zahlen der Kantonsratswahlen 2015 herangezogen. Die Auswahl dieser Datenbasis kann wie folgt begründet werden:

Im Unterschied zu den Berechnungen von Dolder stützen sich unsere Berechnungen jedoch nicht auf absolute Zahlen, sondern auf Veränderungen in ihrem relativen Ausmass.

Bsp.: Die FDP erhöhte zwischen den Kantonsratswahlen 2011 und den Kantonsratswahlen 2015 ihren Wähleranteil im Wahlkreis Stadt von 14.24 auf 17.49 Prozent. Sie gewinnt damit also 3.25% an Wähleranteil.

Weil Dolder mit den absoluten Wähler-Zahlen der Nationalratswahlen 2015 rechnet, kommt er zum (Trug-)Schluss, dass die FDP im Vergleich zu den Grossstadtrats-Wahlen 2012 bei den Wahlen 2016 4.2% des Wähleranteils verlieren wird. Diese Zahl ist sehr hoch gegriffen.

Wie gezeigt, lassen Trendzahlen (Delta Kantonsratswahlen 2011/5) eine andere Entwicklung (nämlich +3.25%) als nicht unplausibel erscheinen. In der Summe ergibt sich so eine Differenz von 7.45% zwischen den Berechnungen von Dolder und unserer eigenen Auslegeordnung. Diese - höchst fragwürdige - immense Differenz ist es, aufgrund der Dolder der FDP Sitzverluste prophezeit.

Die Chancen eines grossen bürgerliche Schulterschlusses

Wie theoretisch zu erwarten ist, besteht bei einem Alleingang der bürgerlichen Parteien das reale Risiko eines Sitzverlustes.

Mandatsberechnung Prognose Prognose Sitzverteilung

Die CVP riskiert damit, ihr Restmandat zu verlieren. Mit den Zahlen der Wahlen 2012 ginge dieses an die GLP. Mit prognostischen Berechnungen könnte das Mandat auch ans linke Lager gehen; in diesem Szenario würde die Links-Grüne Listen-Verbindung nicht nur ihr traditionelles erstes Restmandat, sondern zusätzlich auch noch das zweite Restmandat holen.

Links-Grün zeigt anschaulich, wie Listen-Verbindungen funktionieren. Der Links-Grüne-Block holt in praktisch allen Szenarien das erste Restmandat. Wollten die bürgerlichen Partei den Links-Grünen dieses Restmandat streitig machen, so müssten sie selbst die grosse Listen-Verbindung eingehen. In diesem Fall besteht die Möglichkeit, dass für die Bürgerlichen das erste Restmandat herausschaut.

Des Pudels Kern

Es ist gang und gäbe, dass man beim Small Talk, am Stammtisch und auch in politischen Debatten seine eigene – oft sehr selektive – Wahrnehmung zum besten gibt, dass man lustvoll Schnell-Schlüsse zieht und effekthaschend Schnell-Schüsse abfeuert. Es ist kein Geheimnis, dass wir alle auf dem Boden unserer Werte, unserer Erfahrungen, unserer Einstellungen und unserer Interessen die Realität(en) selektiv wahrnehmen. Die eigenen Schlussfolgerungen sind dementsprechend von eigenen Interessen (oder gar Eigeninteressen?) gesteuert. Das lasten wir einander auch nicht an.

Doch wenn jemand in seiner Rolle als Sozialwissenschafter seine Schlüssen nicht äusserst vorsichtig zieht und wenn sich seine Zahlenbasis auch noch auf Glatteis bewegt, muss er sich die Frage gefallen lassen, ob er sich tatsächlich um die geforderte wissenschaftlichen Sorgfaltspflicht (wenigstens) bemüht. Falls er sich diese Frage nicht gefallen lässt, muss er damit rechnen, dass “des Pudels Kern”, die Hintergründe und Absichten seiner Datenauswahl und Schlussfolgerungen identifiziert werden. Die Auswahl der Daten lässt sehr direkt auf die Werte, Einstellungen und Interessen dessen schliessen, der diese Auswahl trifft.

Sorgfaltspflicht des Politologen

Ein Politologe muss mit dem Begriff “Erkenntnis” sehr zurückhaltend umgehen, zumal er höchst fragwürdige “Erkenntnisse” nicht relativiert und nicht mit einem expliziten Warnhinweis versieht. So schreibt Dolder.

«Es gibt aber drei Erkenntnisse: Ist die SVP Teil der Listenverbindung, profitiert sie davon. In keinem Fall kann die FDP von einer alleinigen Listenverbindung mit der SVP profitieren. Und Listenverbindungen im bürgerlichen Lager können allenfalls einen Sitzgewinn des linken Lagers verhindern, aber keine Vergrösserung des eigenen Lagers herbeiführen.»

Quelle: http://www.lu-wahlen.ch/kolumnen/heidi-duss-studer/olivier-dolder/news/2016/01/31/9519-cvp-will-fuer-den-grossen-stadtrat-keine-listenverbindung-mit-der-svp-was-sind-die-moeglichen/

Fairerweise muss gesagt werden, dass Dolder in einem anderen Artikel auf die Schwächen seiner Modellberechnungen hinweist.

«Selbstverständlich ist diese Berechnung mit Vorsicht zu geniessen. So bildet zwar sowohl bei den Kantonsratswahlen als auch bei den Grossstadtratswahlen die Stadt den Wahlkreis (das heisst: Städterinnen und Städter wählen Städterinnen und Städter), die «Vergleichs-Wahl» ist aber mehr ein Jahr her (29. März 2015) und zudem haben kantonale Wahlen anderen Dynamiken (und Themen!) als städtische Wahlen.»

«Auch diese Berechnungen sind natürlich nur mit Vorbehalt zu betrachten. So liegen die Nationalratswahlen zwar nur ein halbes Jahr zurück, die Mechanismen bei nationalen Wahlen sind aber selbstverständlich anders als bei städtischen Wahlen. Zudem ist der Wahlkreis bei den Nationalratswahlen kantonal und nicht städtisch.»

Quelle: http://www.lu-wahlen.ch/kolumnen/heidi-duss-studer/olivier-dolder/news/2016/01/31/9519-cvp-will-fuer-den-grossen-stadtrat-keine-listenverbindung-mit-der-svp-was-sind-die-moeglichen/

Den Warnhinweis „Mit Vorsicht zu geniessen!” füge ich selbst diesen Zeilen an, obwohl ich hier nicht in der Rolle des Politologen schreibe.

Quellen