Sprengt das Luzerner Theater in die Luft!

Dazu könnte Pierre Boulez aufgefordert haben. Der grosse Musiker hat vor bald fünfzig Jahren dazu aufgerufen, die bestehenden Opernhäuser in die Luft zu sprengen. Mit Humor und gleichzeitig sehr eindringlich hat er damit angeregt, dass man vom Guckkasten-Theater wegkommt und Möglichkeiten schafft, ein neues Repertoire aufzuführen mit veränderbaren Räumen, Einsatz von Livemusik und Elektronik, Theater und Multimedia. Die Vision des Komponisten und Dirigenten ist glücklicherweise mit der „Salle modulable“ in Paris umgesetzt worden.

Auch Luzern hat dem Musiker von Weltrang enorm viel zu verdanken: massgebende Weiterentwicklung des „Lucerne Festival“ und künstlerische Prägung einer kommenden Musikergeneration. Pierre Boulez ist vergangene Woche im Alter von neunzig Jahren verstorben.

Doch der Geist des begeisterten Musikers lebt begeisternd weiter. Bei uns besonders auch dadurch, dass er unserer Stadt seine Vision einer „Salle modulable Lucerne“ hinterlassen hat. Und damit diese Vision nicht zum Luftschloss verkommt, dafür hat Christof Engelhorn – auch materiell – ein Fundament gelegt. Offenbar ist es in Luzern möglich, dass Visionen und Initiativen sich entwickeln, dass sie wahrgenommen und unterstützt werden und dass so Neues entstehen kann.

Unsere Stadt erhält ein Geschenk, das seine einzigartige Ausstrahlung in Luzern und weit darüber hinaus haben wird. Diese einmalige Chance müssen wir packen damit auch die Herausforderung annehmen, unsern Teil dazu beizutragen, dass sich die grosse Vision nicht als Illusion in Luft auflöst.

Die „Salle modulable“ ist eine Vision mit Sprengkraft. Pierre Boulez und Christof Engelhorn sind tot; ihr visionäres Projekt soll weiterleben. Braucht es dazu den grossen Knall?

Luzerner Theater Bild: Luzerner Theater

SPIEGEL-Gespräch mit dem französischen Komponisten und Dirigenten Pierre Boulez: DER SPIEGEL 40/1967